Die Ureinwohnerin vom Neustädter See

Monika Seelmann lebt seit dem Erstbezug 1973 in ihrer Wohnung an der Pablo-Neruda-Straße

Vor 50 Jahren ist Monika Seelmann in die Pablo-Neruda-Straße gezogen und wohnt noch heute dort. 1973 war sie mit ihrem damaligen Ehemann und den drei Kindern der Erstbezug.

Volksstimme-Reporterin Lena Bellon spricht mit der 84-Jährigen über die Entstehung des Viertels, wie sich der Mietpreis veränderte und warum sie nie an den Auszug gedacht hat.

Die geborene Neustädterin Monika Seelmann lebt seit 50 Jahren in der gleichen Wohnung. Sie gehörte 1973 zum Erstbezug an der Pablo-Neruda-Straße. Heute hat sie Enkel und Urenkel, ist Witwe und lebt noch immer in ihren geliebten vier Wänden. Die Hausgemeinschaft, das Viertel und die Mietpreise haben sich in den vergangenen 50 Jahren verändert. Nur ihr Name steht dort noch immer auf dem Klingelschild.

Volksstimme: Wie sah Ihr Leben aus, als Sie 1973 hier in Ihre Wohnung gezogen sind.

Monika Seelmann: Damals war ich knapp 35 Jahre alt, war verheiratet mit meinem ersten Ehemann und wir hatten schon unsere drei Kinder. Heute würde niemand mehr mit drei Kindern in eine Drei-Zimmer-Wohnung ziehen, aber damals war das so und wir waren glücklich damit. Mein damaliger Mann und ich sind beide Neustädter Kinder, sind hier geboren. Wir hatten Glück, dass wir wieder nach Nord ziehen konnten.

Haben Sie denn zuvor woanders gewohnt?

Ja, als wir 1960 geheiratet haben sind, haben wir zusammen in Cracau gewohnt, am Wasserfall. Die Kinder sind

1960, 1962 und 1967 geboren und dort dann auch zur Schule und in den Kindergarten gegangen. Es war wunderschön dort, aber wir wollten lieber wieder zurück.

Sie waren hier der Erstbezug. Beschreiben Sie doch mal, wie es sich dort gelebt hat.

Es war alles Acker. Wir waren im November der erste Eingang, der bezogen wurde. Die Schlüsselübergabe war feierlich. Es sah aber noch ganz anders aus. Damals konnte man bis zum Neustädter See schauen. Nach und nach wurde es grüner, Schulen wurden gebaut und auch die anderen Eingänge bezogen. Aber anfangs gab es noch keine Straßen, wir sind über Holzbretter ins Haus gekommen, haben immer Dreck in den Hausflur getragen. Die nächste Straßenbahn war an der Kastanienstraße, wo die 1 gefahren ist.

Wenn es noch keine Schulen gab, wie war das für die Kinder?

Die Jüngste wurde im September eingeschult. Genau wie ihre Brüder ist sie in Cracau auf die Schule gegangen. Also bin ich morgens mit den Kindern los, durch den Dreck zur Straßenbahn. Die Jungs mussten auf ihre kleine Schwester aufpassen und ihre Oma hat sie mittags wieder abgeholt. Das klingt so umständlich, aber wir haben uns nicht beschwert, es war ganz normal.

Was haben Sie beruflich gemacht?

Ich war Lehrerin und Erzieherin. Als dann die Schule gegenüber fertig war, habe ich dort gearbeitet. Ich war für die Unterstufe zuständig. Pro Klasse waren es acht bis zehn Kinder, das wäre heute nicht mehr denkbar.

Was hat sich seitdem in den 50 Jahren für Sie verändert?

Für mich persönlich am meisten die Hausgemeinschaft. Als die 40 Wohnungen belegt waren, war das Miteinander toll. Wir kannten uns alle, waren per Du und haben gemeinsam Feste gefeiert. Es haben auch viele Kinder hier gewohnt. Nach der Wende sind viele dann ausgezogen und seitdem ist das nicht mehr so. Mehr Menschen machen immer hinter sich die Tür zu, aber das ist auch okay für mich.

Gibt es neben Ihnen noch andere Bewohner, die seit dem Erstbezug dort wohnen?

Ja, zwei weitere. Wir sind heute halt sehr alt, aber verstehen uns noch gut.

Wie hat sich der Mietpreis verändert?

Als wir einzogen, haben wir 99 DDR-Mark warm bezahlt. Da war alles drin. Nach der Wende hat sich der Preis auf 400 D-Mark erhöht. Nach einer Sanierung in den 90er Jahren wurde es wieder teurer. Seitdem bezahle ich 540 Euro warm.

Haben Sie jemals überlegt, aus Ihrer Wohnung auszuziehen?

Nein, einen alten Baum verpflanzt man nicht. Als die Kinder auszogen, konnte mein Mann, den ich nach meiner Scheidung kennenlernte, das eine Kinderzimmer als Büro nutzen. Nach seinem Tod vor drei Jahren habe ich daraus ein zweites kleines Wohnzimmer gemacht. Ich sage immer, dass man mich hier im Sarg heraustragen muss. Ich habe auch keinen Lieblingsplatz, der ist nämlich überall in der Wohnung. Meine Tochter hat mich das

auch schon gefragt, ob ich in ein betreutes Wohnen möchte, aber bisher kann ich alles alleine.

Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

Ich mache meinen Haushalt noch selbst. Gehe zweimal in der Woche zu meinem Altweibertreff, um mich auszutauschen. Nach der Wende waren mein Mann und ich Dauercamper in Plötzky, haben den Winter oft mit unseren Camperfreunden im Warmem überbrückt. Ich bin nie zur Ruhe gekommen, deswegen auch heute nicht. Ich versuche so gut es geht, alles alleine zu erledigen. Aber meine Tochter geht mit mir einkaufen, ich habe viele Enkel und sogar sechs Urenkel, die da sind, wenn ich sie brauche.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    geb Simowski verh.Kamradt (Mittwoch, 19 Juli 2023 22:16)

    Meine VATER Siegfried Simowski war der erste von Magdeburg Nord und er hat den goldenen Schlüssel bekommen vom Bürgermeister Hoffmann damals leider ist mein Vater am 2Feburar 1992 verstorben.
    Bei uns war jedes Jahr eine Deligation und auch des öfteren die Aktuelle Kamera ich als Tochter hätte gern diese Ausschnitte gern gehabt aber leider weiß ich nicht an wem ich mich wenden kann.

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