Altersarmut: Wenn Alltägliches zum Luxus wird

Magdeburger Rentnerin erzählt von Geldnot, Einsamkeit und Tabus, die gebrochen werden müssen

Altersarmut hat viele Gesichter, zeigt sich in Sachsen-Anhalt an zahlreichen Senioren, die auf die Tafel und Nebenjobs angewiesen sind. Rentnerin Elvira Ferchland aus Magdeburg erklärt, wie sie mit 700 Euro monatlich haushaltet, was sie sich von der Politik wünscht und warum ihre ehrenamtliche Tätigkeit so viel Bedeutung für sie hat. Für eine neue Waschmaschine sparen, für Essen bei der Tafel anstehen und der Kampf mit der Einsamkeit, weil gesellschaftliche Aktivitäten schlicht zu teuer sind – so kann der Alltag aussehen, wenn eine Rentnerin in die Altersarmut rutscht. „Rentner sollten das Gefühl haben, es geschafft zu haben, sich ausruhen können. Die Realität ist für viele aber eine andere“, erzählt Elvira Ferchland. Die 66-Jährige wohnt in Magdeburg, im Stadtteil Neustädter See.

Armut führt zu gesellschaftlicher Isolation

In ihrer Wohnung lebt sie bereits 46 Jahre. Heute verlässt sie ihre Nachbarschaft kaum noch: „Die Fahrkarten sind zu teuer. Außerdem kann ich mir in der Stadt nichts kaufen, keinen Kaffee trinken gehen oder ins Kino.“ Ihrem Bekanntenkreis ginge es ähnlich, niemand habe Geld, um im Sommer Eis essen zu gehen. Im Gegenteil: „Ich treffe meine Bekannten, wenn ich mich bei der Tafel anstelle oder wenn irgendwo warmes Essen ausgegeben wird.“ Eine große Überwindung sei es für sie nicht gewesen, sich bei der Tafel zu melden, um dort Lebensmittel zu bekommen. „Ich schäme mich nicht dafür. Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht viel Geld habe“, sagt die Magdeburgerin. „Ich will auch nicht, dass Essen weggeworfen wird. Also ist es besser, dass ärmere Menschen es sich holen.“

Nach der Wende wurde Jobsuche schwerer

Elvira Ferchland hätte sich aber nicht mit Beginn der Rente an das wenige Geld gewöhnen müssen – vielmehr kennt sie es gar nicht anders. „Nach der Schule habe ich in einer Kantine der Reichsbahn gearbeitet. Das hat mir großen Spaß gemacht“, erzählt sie. Anfang der 1990er Jahre, nach der Wende, habe Ferchland keinen vergleichbaren Job mehr bekommen: „Ich habe keine Ausbildung darin gemacht, dennoch hatte ich Erfahrung.“ Das Arbeitsamt habe aber Menschen mit Ausbildung für diese Posten gesucht. So habe sie viele verschiedene Jobs gemacht, diverse Branchen kennengelernt. „Ich habe immer gemerkt, dass ich den Austausch mit Menschen brauche, mich gerne sozial engagiere“, sagt die 66-Jährige. Schon lange vor dem Renteneintritt hat sie Hartz IV bekommen, weshalb sie keinen großen finanziellen Unterschied zur Rente spüre. „Ich habe rund 700 Euro zur Verfügung. Ich bekomme etwas von der Wohngeldstelle, aber ich habe dennoch 600 Euro Fixkosten“, rechnet sie vor. Lebensmittel seien in dieser Rechnung noch nicht berücksichtigt. 100 Euro blieben also übrig für Essen, Fahrkarten oder Hygieneartikel. An spaßige Aktivitäten wie Kino, Essen gehen, Ausflüge oder gar eine kleine Reise sei bei diesem Budget niemals zu denken.

Zwei Jahre keine eigene Waschmaschine

„Ich nehme aus Prinzip keine Einladungen an, würde niemals einen Kredit aufnehmen oder mir bei jemandem Geld leihen“, sagt sie entschlossen. „Das ist einfach nicht meine Art. Wenn ich etwas haben will, spare ich dafür.“ Vor einiger Zeit habe ihre alte Waschmaschine den Geist aufgegeben –  um sich eine neue Waschmaschine leisten zu können, habe sie zwei Jahre gespart. „Nun ist mein Fernseher kaputt, den habe ich während der Pandemie wohl zu sehr strapaziert“, erzählt die Magdeburgerin. Für einen neuen müsse sie jetzt anfangen zu sparen. „Momentan mache ich noch einen kleinen Nebenjob. Aber wer weiß, wie lange ich noch einem Job nachgehen kann“, sagt sie. Sie habe auch eine Katze, die sie von ihrer Rente ebenfalls versorgen muss. „Das ist mein Luxus“, erzählt sie.

Einsamkeit ist schlimmer als Armut

Ihre Armut sei nicht das Schlimmste für sie, die Einsamkeit und das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, sind es. Deshalb ist sie seit knapp zehn Jahren als Ehrenamtliche beim Malteser-Hilfsdienst angestellt. „Ich bin dort im Besuchsdienst tätig. Ich helfe einsamen Senioren, höre ihnen zu, unternehme etwas mit ihnen“, erklärt sie. So könnte sie anderen Senioren aus der Einsamkeit helfen und gehe einer sinnvollen Beschäftigung nach. „Pflegedienste oder Pflegepersonal ist immer überlastet, hat keine Zeit für das Zwischenmenschliche. Dabei ist genau das so wichtig für einsame und pflegebedürftige Senioren“, sagt die Ehrenamtliche.

Ehrenamt gibt ihr Struktur und Abwechslung

In dem Netzwerk der Ehrenamtlichen fühle sie sich wohl, hat Kontakte und Anerkennung. „Als Ehrenamtliche kann ich meine soziale Art ausleben“, sagt sie. Vor der Pandemie habe die „Malteser-Familie“ regelmäßig Gruppentreffen veranstaltet, Feste gefeiert und Ausflüge gemacht. „Es ist ein schönes Gefühl, auch Dankbarkeit für seine Arbeit zurückzubekommen. Ausflüge in den Harz oder in den Zoo hätte ich mir alleine nicht gegönnt“, erzählt Ferchland. Umso mehr belastet die Rentnerin die Pandemie und die Distanz zu den Menschen. „Ich wurde total zurückgeworfen, in den strengen Lockdown-Phasen ging es mir sehr schlecht, weil alles weggebrochen ist, was mir wichtig war“, erklärt die Magdeburgerin, während ihr die Tränen in die Augen schießen. Ihrer Tätigkeit im Besuchsdienst konnte sie zwar eingeschränkt nachgehen, aber die Treffen der Malteser hätten gefehlt, auch der Nachbarschaftsverein, in dem sie engagiert ist, lag plötzlich lahm.

Armut soll kein Tabu-Thema mehr sein

„Ich hatte das Gefühl, von der Politik nicht gesehen zu werden, dass unsere Probleme nicht wichtig waren“, sagt Ferchland. „Es wäre wünschenswert, dass den Kommunen mehr Geld zur Verfügung steht, um einsame Menschen zu unterstützen.“ Sie beanstandet aber auch die hohen Kosten eines Pflegeheims: „Wenn die Rente für Einzelne so gering ist, müssen die Familien für die Kosten der Pflegeheime  aufkommen. Trotzdem gibt es nicht genug Personal, das sich Zeit für die alten Menschen nehmen kann.“ Es müsse  möglich sein, im hohen Alter unbeschwert und gut versorgt seinen Alltag bestreiten zu können.

Ferchland wünscht sich, dass Altersarmut offener besprochen wird: „Wir sind trotzdem anständige Menschen.“ Es sei noch ein Tabu-Thema, viele Menschen würden sich dafür schämen, kein Geld zu haben, und isolieren sich deshalb. „Ich brauche keinen Luxus, ich bin auch so glücklich“, sagt die Rentnerin.

(Quelle: Volksstimme, 11.02.2020)

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